Interkulturelle Kompetenz

 

 


Interview mit Dr. Winfried Guba

Von Inka Burow (Hannoversche Allgemeine Zeitung) - erschienen am 15. März 2008 in gekürzter Fassung

Sie haben als Top-Manager im Ausland gearbeitet und beraten jetzt Auswanderer auf Zeit, sogenannte Expatriates. Wie wichtig ist ein interkulturelles Training zur Vorbereitung auf einen Auslandsaufenthalt?

Wir wissen alle, wie schwer es bereits in Deutschland ist, effektiv zu kommunizieren und andere Menschen nicht vor den Kopf zu stoßen. Nun stellen Sie sich das im internationalen Bereich vor, wo teilweise grundlegend verschiedene Wertesysteme aufeinanderprallen. Ich habe als Geschäftsführer in der US-amerikanischen Computer-Industrie Verantwortung für Mitarbeiter aus über zwanzig Nationen getragen und ich habe erlebt, wie unterschiedlich das gleiche Verhalten in verschiedenen Ländern gewertet wird. Wenn der deutsche Manager seinen japanischen Kollegen mit den Worten „Könnten Sie mir bitte bei dem Projekt xy helfen?“ um einen Gefallen bittet, so kann das bereits als ungebührliche Bedrängung und damit Missachtung der Person empfunden werden. Daher empfehle ich: Wenn Sie vorhaben, ins Ausland zu gehen, oder wenn Sie Verantwortung für Mitarbeiter aus einem anderen Kulturkreis übernehmen, machen Sie sich bereits im Vorfeld ernsthaft und intensiv mit der dort herrschenden Denkweise vertraut.

Muss man sich grundsätzlich an sämtliche kulturellen Besonderheiten eines Gastlandes anpassen?

Bei interkulturellen Trainings oder Coachings geht es nicht darum, zu lernen, wie man in solidarischem Einklang mit seinem US-amerikanischen Gesprächspartner die Füße auf den Tisch schwingt. Mit anderen Worten: Es gibt auch ein Zuviel an Anpassung. Das kann dann aufgesetzt oder im schlimmsten Fall sogar lächerlich wirken. Gerade die weit verbreiteten How-to-do-business-with …-Ratgeber vermitteln oft den Eindruck, dass es genügt, sich an eine Reihe simpler Tipps und Ratschläge zu halten. Das ist verführerisch, aber leider nicht ausreichend, um in einer Vielzahl möglicher interkultureller Handlungssituationen kompetent und flexibel reagieren zu können.

Wie wichtig ist interkulturelle Kompetenz Ihrer Erfahrung nach aus Sicht des Unternehmens, das einen Mitarbeiter entsenden will?

Ich habe über viele Jahre einen großen internationalen Geschäftsbereich geleitet – mit Ingenieuren in den USA, Europa und Indien, mit Fertigungsstätten u. a. in Puerto Rico, Schottland, China und Malaysia und einem weltweit organisierten Vertrieb. Da kommt es in einem hohen Maße auf Schnelligkeit und Effizienz an, sprich: Reibungsverluste kann man sich nicht leisten. Es darf nicht sein, dass beispielsweise ein in Deutschland üblicher Satz wie „Das steht doch alles im letzten Protokoll!“ in einer Besprechung mit eher pragmatisch orientierten Engländern die Gesprächsatmosphäre belastet. Ich habe deshalb bei meinen Mitarbeitern und insbesondere auch bei meinen Führungskräften systematisch interkulturelle Kompetenz aufgebaut – verbunden mit einer zum Teil signifikanten Leistungssteigerung der Teams. Aus internationalen Fusionen hervorgegangene Unternehmen wie beispielsweise DaimlerChrysler oder EADS haben übrigens zum Teil schmerzhaft erfahren müssen, zu welchen Schwierigkeiten ein mangelndes Verständnis anderer Denk- und Arbeitsweisen führen kann.

Lohnt sich ein ganz allgemeines interkulturelles Training, wenn ich Karriere machen will?

Grundsätzlich gilt, dass für die Karriere ein fundiertes Verständnis für die zwischenmenschliche Kommunikation notwendig ist. Ein interkulturelles Training hilft, den Standpunkt von Menschen mit einem anderen Werteverständnis besser zu verstehen, besser mit anderen Denk- und Sichtweisen umzugehen und insgesamt effektiver zu kommunizieren und zu führen.

Andere Länder, andere Sitten: Welche Benimmregeln würden Sie sich auch hierzulande wünschen?

Ich bin sehr durch die US-amerikanische Kultur und den dort vorherrschenden Kommunikationsstil geprägt und erwische mich manchmal dabei, dass ich in normalem Deutsch geschriebene Briefe oder E-Mails als etwas unhöflich empfinde. So wäre es in den USA ein Affront, einem Geschäftspartner, Mitarbeiter oder Kollegen zu schreiben: „Senden Sie mir den Projektplan bis Freitag!“ Besser wäre: „Könnten Sie mir bitte den Projektplan bis Freitag zusenden?“ oder „Es wäre schön, wenn ich den Projektplan bis Freitag bekommen könnte“. Mit anderen Worten: Anordnungen und Wünsche werden in der Regel höflicher als bei uns formuliert – ohne dass die Klarheit darunter leidet.

 

Nach oben